Die Auswanderer –  eine Erfolgsgeschichte

Einladung an alte Weggefährten

AICH / NEUENDETTELSAU / GOTHA (Eig. Ber.)

Kürzlich lud die Familie Selz die alten Weggefährten Johann Lotter, ehem. Geschäftsführer der RHG Heilsbronn und Hans-Jürgen Grosser, Bankdirektor a. D. ein. Hans Selz wurde am 17.6.59 (früher Tag der deutschen Einheit) als Einzelkind geboren. Er wollte nie Landwirt werden. Seine Freunde und Kumpels spielten Fußball oder gingen ins Bad. Er musste Rüben hacken oder Heu bergen und wurde somit zwangsweise zum Bauern. Mit 21 Jahren übernahm er den elterlichen Hof in Aich, damals 30 ha Acker und Wiese. Es war der kleinste Vollerwerbsbetrieb in Aich und hatte in dieser Größe keine Zukunft. Ein Jahr später heiratete er seine Ehefrau Brigitte. In den folgenden 10 Jahren wurde der Hof auf 120 ha vergrößert, allerdings im Umkreis von 30 km. 1982 erfolgt die Umstellung auf  biologische Landwirtschaft, mit einem Kuhstall-Neubau für 75 Milchkühe, da dies die einzige Möglichkeit erschien um in Zukunft davon leben zu können. 1990 wurden die ersten Gespräche in den Neuen Bundesländern geführt. Im Februar 1992 wurde die  ehemalige LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) „Hermann Dunker“ in Gotha–Siebleben gekauft. 5 ha Hoffläche, Beton-Asbest und viele alte Gebäude, die für Getreide und Technik nicht zu nutzen waren. 400 Milchkühe mit Nachzucht, allerdings ohne den Grund auf dem die Gebäude standen. Die eigentlichen Werte waren die Pachtverträge über 1.250 ha Ackerland und 150 ha Wiesen. Die Finanzierung erwies sich als äußerst schwierig, da die Banken vor Ort nur gut über den Betrieb sprachen, aber nicht sagten „Wir finanzieren das“. Auch die persönliche Vorsprache bei der Raiffeisenbank Gotha, durch Kollegen aus den alten Bundesländern half nichts. So sprang dann letzten Endes die Hausbank von Herrn Selz, die Raiffeisenbank Heilsbronn-Windsbach ein. Im Jahre 1994 kaufte die Familie Selz zusammen mit einem Junglandwirt aus der Schweiz in Westhausen (Nähe Coburg auf der thüringischen Seite) den  Betrieb mit 1000 ha und 400 Milchkühen.

Langsam wurde der Stress zu viel, die Fahrerei und die Probleme trieben den Blutdruck auf 220, da drei Höfe zu bearbeiten waren. 1999 wurde die Entscheidung getroffen mit der gesamten Familie einschließlich Oma nach Gotha zu ziehen. Die Wohnung befand sich im Giebelbereich der Maschinenhalle, im unteren Bereich waren die Sozialräume untergebracht. Im Jahre 2002 übernahm der Sohn den Betrieb in Westhausen zu 100%. Der Schweizer Kollege wanderte nach Argentinien aus und betreibt eine Zitronenplantage mit 2500 ha. Die in 1994 erbaute Getreideanlage wurde vergrößert und erneuert. Heute liegt die Annahme und Verladeleistung bi 250 to /Std. – der Reiniger hat eine Stundenleistung von 300 to/Std.

In Gotha können über 11.000 to Weizen, in Westenhausen ca. 5.000 t. gelagert werden. Die Feldarbeit passiert heute mit 3 Raupenschleppern der Marke Challenger mit 600 – 700 PS. Bei der Bodenbearbeitung gibt es eine sehr enge Zusammenarbeit mit Amazone BBG Leipzig, wo die Nullserien über 3 Jahre in Gotha getestet werden. Bei der Saat werden am Tag 160 ha mit dem Raupenschlepper und 8 m Räderstand geschafft. Die gleiche Flächengröße und mehr bei der Ernte mit 4 Mähdreschern mit jeweils 600 PS und 12 m Schnittbreite. Alle 3 Kinder sind mit im Betrieb tätig und wohnen in Gotha. Mit durchschnittlich 20 Jahren wurden die Kinder voll am Betrieb beteiligt. Hans, Brigitte, Matthias, Annemarie  und Thomas mit je 1/5 Anteil. Der Betrieb in Werthausen ist zu je 1/3 auf die Kinder aufgeteilt. Sohn Matthias kümmert sich verstärkt um Werthausen, in Gotha ist er für die Getreideanlage zuständig und für die Baggerarbeiten.

Tochter Annemarie wuchs mit großen Maschinen auf. Schon in der Lehrzeit fuhr sie den Challenger Schlepper mit 430 PS. Sie fuhr dann mehrere Jahre Vorführungen in Hannover und Würzburg. Dies brachte ihr den Namen „die Schnecke mit der Raupe„ ein. Heute ist sie die meiste Zeit im Büro und klärt die Pachtverträge mit den Erbengemeinschaften ab, bei teilweise 20 Erben auf der Welt verstreut. Sohn Thomas kümmert sich um den Maschinenpark. Reparaturen werden zu 95 %selbst ausgeführt. Daneben bestehen sehr enge Kontakte zu den Ingenieuren der Fa. Amazon, wo Erfahrungen ausgetauscht und Verbesserungsvorschläge gemacht werden z. Zt. werden 2050 ha Ackerland, 250 ha Wiesen bewirtschaftet und 150 Weiderinder gehalten. Das Getreide wird nach der Ernte komplett eingelagert, mehrmals gereinigt, notfalls getrocknet und mit dem eigenen LKW auf Abruf zu den Mühlen gebracht. Da der LKW nur eigenes Getreide lädt und leer zurück kommt ist absolute Sauberkeit gewährleistet, was bei der Babynahrung – für die überwiegen angebaut wird, eine zusätzliche Vertrauensbasis darstellt. Sohn Thomas hat am 3. Oktober Geburtstag (dem Tag der Deutschen Einheit), somit schließt sich der Kreis vom Vater zum Sohn und zur Wiedervereinigung. Auf dem Foto von links: Johann Lotter, Hans Selz, Brigitte Selz und Hans-Jürgen Grosser.

Foto: Privat

 

 

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