Unsere Erde hat noch eine Chance

Interview mit Professorin Dr. Almut Arneth – Gottfried Wilhelm Leibniz-Preisträgerin 2022

Redaktion: Frau Professorin Arneth, Sie erhalten in diesem Jahr den renommierten Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Herzlichen Glückwunsch dazu!  
War es eine Überraschung?

Arneth:
Vielen Dank! Über die Nachricht habe ich mich natürlich sehr gefreut. Dass ich vorgeschlagen worden war, wusste ich, weil ich vor gut einem Jahr für den Auswahlprozess etliche Unterlagen beizutragen hatte. In meinem Arbeitsalltag war das dann aber tatsächlich etwas in den Hintergrund getreten, bevor dann doch sehr überraschend die Nachricht kam.  

Red.: Sie forschen zu den Beziehungen zwischen Klimawandel, Landökosystemen und Landnutzungswandel. Was muss sich der interessierte Laie darunter vorstellen?

Vereinfacht gesagt versuchen wir, für die gesamte Landfläche der Erde Prognosen zu erarbeiten, wie man den Klimawandel verlangsamen könnte durch nachhaltigere Nutzung von Landökosystemen. Dabei versteht man unter einem Landökosystem das Zusammenspiel von Pflanzen, Böden und Tieren.  Landnutzung bedeutet, wie der Name schon sagt, dass mit diesem Ökosystem etwas gemacht wird, Ackerflächen, Waldnutzung etc. Und wenn dies falsch, zu intensiv geschieht, auch mit allen möglichen Folgen wie Wüstenbildung oder Rückgang der Artenvielfalt und – ganz zentral, der Freisetzung oder auch der Speicherung von Kohlenstoff und anderen Treibhausgasen, wird das Klima beeinflusst. Mit Hilfe mathematischer Computermodelle versuchen wir nun, die Zukunft abzuschätzen: Wir simulieren Wälder und Ackerflächen und beschreiben, wie sie unter sich ändernden Klimabedingungen besser oder weniger gut wachsen. Daraus ergeben sich dann idealerweise auch Ideen für einen klimafreundlichen Wandel der Landnutzung durch den Menschen.

Red.: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Arneth: Beim Düngen von Feldern z. B. wird Lachgas, ein weiteres starkes Treibhausgas, freigesetzt. Die Ackerpflanzen brauchen den Dünger zum Wachsen, aber man könnte den Düngemitteleinsatz vermindern. An vielen Stellen der Erde regional angepasst umgesetzt, würde dies in der Summe global schon viel bewirken können.

Red.: Reicht das schon aus?

Arneth: Leider nein, denn die Übernutzung von Landökosystemen durch den Menschen geht über den Klimawandel weit hinaus. Bereits heute sind mehr als 70 Prozent der eisfreien Landfläche durch den Menschen in irgendeiner Weise genutzt, 50 % sogar sehr intensiv als Ackerland, Weiden oder Forst.

Red.: Damit wir etwas zum Essen haben?

Arneth: Das ist ein zentrales Thema. Die wachsende Weltbevölkerung, der riesige Hunger, der Bedarf an nachwachsenden Rohstoffen und die rasante Abnahme der Artenvielfalt dürfen sich nicht gegenseitig ausschließen. Unsere Forschungen ergeben auch, dass wir zu nachhaltiger Nutzung unserer Landressourcen nur dann kommen, wenn wir versuchen, Treibhausgasemissionen in der Produktion zu reduzieren und gleichzeitig das menschliche Konsumverhalten anzupacken. Dann hat auch die Biodiversität eine Chance.

Red.: Fleischverzicht?

Arneth: Hier wird es interessant: Würde die gesamte Menschheit sich vorwiegend vegetarisch ernähren, wäre etwa die Hälfte der derzeit als Acker- oder Weideland genutzten Flächen weltweit ausreichend. Bei überwiegendem Fleischkonsum aller würde man die GESAMTE Landoberfläche zur Produktion des benötigten Tierfutters brauchen. Das ist natürlich ein Rechen-Extrem zur Verdeutlichung der Problematik des Fleischkonsums, besonders in der westlichen Gesellschaft. Wenn ich andererseits etwa in Garmisch-Partenkirchen, wo ich arbeite, gelegentlich ein Stück Rindfleisch aus Almbewirtschaftung esse, unterstütze ich diese Form einer nachhaltigen Land- und Viehwirtschaft und sogar noch etwas den Tourismus. Das Stück Fleisch aus dem Massenstall kann dies nicht.

Red.: Hilft eine gute Bildung dem Klimaschutz?  

Arneth: Bildung hilft immer, um sich und das eigene Konsumverhalten zu reflektieren. Wenn ich allerdings kein Geld habe und mir nur eine Schale Reis am Tag leisten kann, stellt sich die Frage nach dem Konsumverhalten erst gar nicht.

Red.: Hat unsere Erde noch eine Chance?

Arneth: Die Erde schon (lacht). Im Ernst: Die Herausforderungen, die die Menschheit sich aufgebürdet hat, sind gewaltig. Klimawandel, Bevölkerungswachstum, politische Entwicklungen und mehr erfordern drastische politische Maßnahmen und ein Zusammenwirken von allen. Da müssen auch wir in demokratisch regierten Ländern politisch sinnvolle Entscheidungen unterstützen, selbst wenn sie vielleicht ein wenig unangenehm für uns als Individuen sind.

Red.: Professorin Arneth, vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Susanne Hassen

Der Leibniz-Preis

Der Gottfried Wilhelm-Leibniz-Preis wird seit 1986 jährlich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) verliehen und gilt als der wichtigste Forschungspreis in Deutschland. Er zeichnet herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für ihre bisherigen Forschungsleistungen aus und fördert sie zugleich  für weitere grundlegende Beiträge mit einem Preisgeld von bis zu 2,5 Mio Euro. In diesem Jahr wurden fünf Frauen und fünf Männer aus 134  Vorschlägen ausgewählt. Verliehen wird der diesjährige Gottfried Wilhelm-Leibniz-Preis am 12. Mai in Bonn.

Professorin Dr. Almut Arneth

Almut Arneth stammt aus Westmittelfranken in Bayern. Sie studierte Biologie in Bayreuth. 1998 wurde sie an der Universität Lincoln in Neuseeland im Fach Umweltwissenschaften promoviert. Nach Aufenthalten am Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena und dem Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg wechselte sie 2004 an die Universität Lund, wo sie 2011 Professorin wurde. Seit 2012 ist sie Professorin am Institut für Meteorologie und Klimaforschung des Karlsruher Institut für Technologie (KIT) in Garmisch-Partenkirchen und leitet dort die Arbeitsgruppe Modellierung Globaler Landökosysteme. 2019 war Arneth Leitautorin für den Sonderbericht des Weltklimarates über Klimawandel und Landsysteme.

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